Tagungsprogramm · Veranstalter:innen
Die geplante Tagung ist die dreizehnte in der Reihe der Internationalen Hamann-Kolloquien. Gegründet wurde das Hamann-Kolloquium 1976 von Arthur Henkel mit einer ersten Tagung, die in Lüneburg in Verbindung mit dem dortigen Nordostdeutschen Kulturwerk e.V. stattfand. Es vereinigt seither in zwangloser Folge etwa alle vier Jahre Gelehrte verschiedener Wissenschaften (insbesondere Germanistik, Philosophie und Theologie).
Hamann selbst sah die Eigenart seiner Schriften durch »... genaueste Localität, Individualität und Personalität« bestimmt. Ein besonderes Gewicht kommt dabei der Königsberger Lokalität zu, hat Hamann doch hier die prägenden Jahre der Kindheit, der Schul- und Studienzeit sowie auch die längste Zeit seiner beruflichen Tätigkeit verbracht. Hier hat sich seine »Individualität und Personalität« entwickelt; hier hat er Gesprächspartner gefunden, die ihn zu vielfältigen Beiträgen angeregt und herausgefordert haben. Diese besondere »Localität« mit ihrem Beziehungsnetz genauer auszuleuchten, ist ein Desiderat der Forschung, dem das Kolloquium nachkommen soll.
Von Berlin aus betrachtet, liegt Königsberg im 18. Jahrhundert an der Peripherie Preußens, in einer Grenzregion, in der sich eine wechselvolle politische Geschichte abspielt und in der heterogene wirtschaftliche und kulturelle Einflüsse zusammenkommen. Denkt man an die Geschichte der Aufklärung, kommt Königsberg allerdings eine zentrale, weithin ausstrahlende Bedeutung zu. Hier hat Kant seine philosophischen Werke verfasst, in denen auf den Begriff gebracht ist, was Aufklärung bedeutet oder bedeuten kann, damals und heute.
An Person und Werk Hamanns kann diese besondere Situation exemplarisch studiert werden. Zum einen deswegen, weil Hamann selbst in mehrfacher Hinsicht Grenzgänger und Vermittler war. Wichtige Erfahrungen hat er außerhalb seiner Königsberger Heimat gesammelt – während seiner Tätigkeit als Hofmeister in Kurland/Livland und im kaufmännischen Dienst in Riga und in London – und überdies durch seine weitgespannte Lektüre Königsberger Diskurse bereichert und über jegliche Provinzialität hinausgehoben. Das gilt auch für die Überschreitung der Grenzen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen.
Zum anderen kommt Hamann eine herausragende Bedeutung in seiner besonderen Individualität zu. So vielschichtig und perspektivenreich sein schriftstellerisches Werk ist, so wenig lässt es sich in die zeitgenössischen Bewegungen und Systeme des Denkens einfach einordnen und unterordnen. Hamann bleibt ein Nonkonformist, ein Einzelgänger, der allen geschlossenen Systemen kritisch mit »Einfällen und Zweifeln« begegnet. Der von ihm in Auseinandersetzung mit Kant geprägte Begriff der Metakritik bringt diese Strategie deutlich zum Ausdruck.
Dabei hat Hamann keinesfalls seine Abhängigkeit verleugnet. So liegen seiner Autorschaft umfangreiche Lektüren zugrunde. So ist er besonders intensiv durch die Tradition lutherischer Theologie und Frömmigkeit geprägt. So weiß er sich auch einzelnen Lehrern und Gesprächspartnern im damaligen Königsberg verpflichtet.
Mit dem 13. Internationalen Hamann-Kolloquium verfolgen wir das Ziel, solche Gesprächskonstellationen genauer zu rekonstruieren, indem wir die besonderen lokalen Voraussetzungen und Bedingungen der Kommunikation (u.a. Zeitungen, Buchhandel und Verlagswesen) in den Blick rücken und indem wir Gesprächspartner einbeziehen, die bislang in der Forschung noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden haben. Beiträge zur Hamann-Forschung im engeren Sinn verbinden sich mit solchen zur Königsberger Lokalgeschichte sowie zur Geistesgeschichte der europäischen Aufklärung. In dieser Interdisziplinarität, in der sich die verschiedenen Beiträge wechselseitig herausfordern und bereichern, liegen die Chancen des geplanten Kolloquiums.
Mittwoch, 29. März 2023
15:30 | Begrüßung |
Königsberger Lokalität I | |
15:45–16:30 |
Knut Martin Stünkel Localität – Überlegungen zu einem Hamannschen Grundbegriff Oder: Königsberg als Ideologie? |
16:30–17:15 |
Gregor Babelotzky »genaueste Localität« – eine topographische Darstellung der Lebens- und Ereignisorte Hamanns in Königsberg |
19:30 |
Öffentlicher Abendvortrag Johannes von Lüpke »Individuelle Vernunft«: Johann Georg Hamann (1730–1788) im Königsberger Kontext Anschließend kleiner Empfang |
Donnerstag, 30. März 2023
Königsberger Gesprächspartner I | |
9:00–9.45 |
Oswald Bayer Lokalität, Individualität, Personalität |
9:45–10:30 |
Leonard Keidel Sebastian Friedrich Trescho in Hamanns provinziellem Koordinatensystem |
Kaffeepause | |
11:00–11:45 |
Joachim Ringleben Spuren Hamanns in Hippels Roman ›Lebensläufe nach aufsteigender Linie‹ (1778–1781). Eine Nachlese |
11:45–12:30 |
Johannes Saltzwedel Hamann, Hippel und die Entvölkerung. Zur Diskussion über die Ehe im späten 18. Jahrhundert |
Mittagspause | |
Königsberger Publizistik | |
14:30–15:15 |
Janina Reibold Der »gelehrte[] Intelligence-Arbeiter«. Hamanns Publikationen in den ›Königsbergischen Frag- und Anzeigungs-Nachrichten‹ |
15:15–16:00 |
Luca Klopfer »Berlocken« – Ein neu entdeckter Text Johann Georg Hamanns in den ›Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen‹? |
Kaffeepause | |
16:30–17:15 |
Thomas Brose Diskursräume – Konstellationen – Scientific Community. Hamann besetzt ein intellektuelles Feld: Englische Literatur und Philosophie |
Aus der Forschungswerkstatt I | |
17:15–17:45 |
Henning Dreyling Geschichte des Hamann-Nachlasses in Königsberg |
Freitag, 31. März 2023
Königsberger Lokalität II | |
9:00–9.45 |
Konrad Bucher Hamann und der Siebenjährige Krieg |
9:45–10:30 |
Yvonne Al-Taie Kontraindiziertes Pharmakon. Reisen als Krankheitslinderung und Krankheit als Reisehinderung bei Johann Georg Hamann |
Kaffeepause | |
Königsberger Gesprächspartner II | |
11:00–11:45 |
Sabine Marienberg Berührungspunkte. Vergegenständlichung und Verlebendigung bei Hamann und Herder |
11:45–12:30 |
Harald Steffes »Der unbedachtsame Alcibiades an der Brust des Sokrates«. Zu Hamanns und Herders divergierenden Sokratesdeutungen |
Mittagspause | |
14:30–15:15 |
Santiago Rebelles und José F. Zúñiga Die Bedeutung der Stadt und der Reise in der Denkkonfiguration von Hamann und Herder |
15:15–16:00 |
Wilhelm Kühlmann Rationalistischer Supranaturalismus. Zur alttestamentarischen Exegese des Königsberger Theologen Theodor Christoph Lilienthal (1717–1781) |
Kaffeepause | |
Aus der Forschungswerkstatt II | |
16:30–17:15 |
Naomi Miyatani Königsberger Kirchenlieder für Hamann in London und die Herausforderung einer Übersetzung |
17:15–18:00 |
Volker Hoffmann Zum Gedenken an Joseph Kohnen (1940–2015), den Königsberg-Forscher |
19:00 |
Abendessen und Gespräche im Brömsehaus (Am Berge 35, Lüneburg; nur für die Tagungsteilnehmer:innen) |
Samstag, 1. April 2023
Königsberger Gesprächspartner III | |
9:00–9.45 |
Hans Graubner »Kinderphysik« und »Göttersprache«. Hintergründe und Nebentöne in den Briefen zwischen Kant und Hamann 1759 und 1774 |
9:45–10:30 |
Florian Telsnig Wozu Aufklärung? Hamann im Gespräch mit Kant und C. J. Kraus |
10:30–11:15 |
James Clow SOCRATE est sur le Trône – Contextuality in Hamann’s critique of Kant’s ›Was ist Aufklärung?‹ |
Kaffeepause | |
11:45–12:30 |
Johannes von Lüpke Das andere Idol. Hamanns Kritik an Kants ›Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‹ |
12:30–13:15 |
Frank Simon »die geballte Faust in eine flache Hand zu entfalten« – Polemik in der Königsberger Gelehrtenrepublik |
13:15–13:45 | Abschlussdiskussion |
Ostpreußisches Landesmuseum
Heiligengeiststraße 38
21335 Lüneburg
Tagungsgäste sind herzlich willkommen. Um verbindliche Anmeldung bis zum 27. März 2023 an janina.reibold@gs.uni-heidelberg.de wird gebeten.
Prof. Dr. Eric Achermann (achermann@uni-muenster.de)
Prof. Dr. Johann Kreuzer (johann.kreuzer@uni-oldenburg.de)
Prof. Dr. Johannes von Lüpke (johannes@vonluepke.com)
Dr. Janina Reibold (janina.reibold@gs.uni-heidelberg.de)
Das 13. Internationale Hamann-Kolloquium wird großzügig von der Theodor Springmann Stiftung gefördert.